Universitätsprofessor für Volkswirtschaftslehre an der Universität Hamburg, Mitglied des Kuratoriums der Friedrich-Naumann-Stiftung, Fellow der Transatlantic Academy in Washington, D. C., Hamburg

// Digitalisierung ist viel mehr als eine rein technische Herausforderung

Wie blicken Sie auf das Corona-Jahr 2020 zurück?

16:20

Wie wohl alle anderen auch mit großer Sorge – zunächst wie viel Leid und Trauer COVID-19 verursacht hat, dann aber auch, welche indirekten Schäden durch die Corona-Politik verursacht wurden. Wenn Kinder, Jugendliche und Studierende nicht in gewohnter und angemessener Weise unterrichtet werden konnten, sind für die Betroffenen die Langfristfolgen immens. Was bei Schulschließungen und dilettantischem Fernunterricht verpasst wird, kann oft ein Leben lang nicht mehr wirklich aufgeholt werden. Das gilt nicht nur für fehlendes Wissen. Es geht auch um soziale Kompetenzen, die verloren gehen, wenn sich der Alltag in der Einsamkeit zu Hause statt in Klassenzimmern, Pausenhöfen und Hörsälen abspielt. Dabei ist besonders störend, dass die Folgen für Jugendliche aus ärmeren Familien kostspieliger ausfallen als für Wohlhabendere – sie können nicht so einfach ausweichen und Alternativen finanzieren, wie beispielsweise Nachhilfeunterricht zu Hause.

16:35

Was waren aus Ihrer Sicht die wichtigsten Bildungsthemen?

16:42

Ganz eindeutig die Digitalisierung des Bildungswesens, die nun notgedrungen flächendeckend und teilweise sehr rasch und mit beachtlichen Erfolgen auf den Weg gebracht wurde. Leider hat sich da auch gezeigt, wie viel zuvor verschlampt wurde und wie weit der Rückstand zum Möglichen war. Da muss nun schleunigst nachgebessert werden. Dabei geht es nicht nur um Hard- und Software, die auf Fernunterricht und Online-Lehre umzustellen ist. Es gilt genauso für organisatorische Strukturen. Beispielsweise können an Universitäten eine Vielzahl von Einführungsvorlesungen bundesweit modula- risiert, standardisiert und zentral online produziert werden und dann vor Ort in den einzelnen Hochschulen nur noch vertieft, ergänzt und an spezielle Bedürfnisse angepasst werden. Das wird zu einem Ende von Massenveranstaltungen führen und damit auch bauliche Anpassungen zur Folge haben. Also mehr kleine Seminarräume statt megagroße Hörsäle und Vorlesungen, die mehr einem Mentoring, Training und Coaching und weniger der Stoffvermittlung an sich dienen.

16:49

Was sind Ihre wichtigsten Forderungen, um das Ziel der „Besten Bildung bis 2030“ zu erreichen?

16:55

Digitalisierung ist viel mehr als eine rein technische Herausforderung, sondern verlangt von Schülerinnen und Schülern ebenso wie von den Lehrkräften eine Rückbesinnung auf das, was Schule und Bildung ausmacht. Es geht darum, Persönlichkeit weiterzuentwickeln, die jungen Menschen auf eine ungewisse Zukunft vorzubereiten. Der Umgang mit Krisen und Disruption gehört dazu, vor allem aber auch die Persönlichkeitsentfaltung und Charakterbildung. Diese grundsätzlichen Fähigkeiten, die mehr die Persönlichkeit an sich und weniger die Fachkompetenzen im Fokus haben, können nicht noch einmal obendrauf auf verbindliche Bildungspläne gesattelt werden. Sie sind auch eher Querschnitts- als spezifische Kompetenzen. Deshalb gilt es, Prioritäten neu zu setzen und zeitliche Beschränkungen zu akzeptieren, um schulische Freiräume für kulturelle, sportliche, gesellschaftliche Aktivitäten oder auch schlicht Freizeit offen zu halten. Manchmal ist eben weniger mehr!

17:06

Worauf freuen Sie sich im nächsten Jahr? Was muss im nächsten Jahr geschehen?

16:09

Wir haben in der Stiftung und insbesondere im Liberalen Institut nun so viele Vorarbeiten geleistet, dass wir nun damit in die Öffentlichkeit gehen wollen. Unsere Broschüre „30 Thesen für beste Bildung bis 2030“ war ein Anfang. Nun muss die Umsetzung gelingen, und wir haben ehrgeizige Pläne, wie das in Form von Masterklassen, Workshops und Seminaren, Vorträgen und weiteren Bausteinen geschehen soll. Hier mit vielen Stakeholdern zusammen für das bestmögliche Bildungssystem zu kämpfen, um damit unseren Kindeskindern ebenso bestmögliche Voraussetzungen für eine gelingende Zukunft in schwierigen Zeiten zu bieten, motiviert mich und macht mir sehr viel Spaß!

17:24