Vorsitzender des Kuratoriums der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

// Für Demokratie und Freiheit kämpfen

Der Liberalismus ist nicht erst seit gestern weltweit unter Druck. Wenn Sie aus Ihrer deutsch-schweizerischen Perspektive die Entwicklungen betrachten, wie optimistisch blicken Sie in das Jahr 2021?

16:20

Die derzeitige Pandemiesituation stellt uns vor eine Vielzahl von Herausforderungen, die förmlich nach liberalen, also an der Vernunft orientierten Lösungswegen rufen. Die rasante Entwicklung des Corona-Impfstoffs ist ein vielversprechendes Beispiel dafür, was Fortschritt, koordinierte Anstrengungen und verlässliche Kooperationen in einer freien Welt ermöglichen können. Mit Vernunft und in Verantwortung wird es nun ebenso notwendig sein, das gesellschaftliche und auch wirtschaftliche Leben wiederaufzubauen und zu erneuern. Es wird den Menschen dabei vielleicht bewusst werden, dass die Zuständigkeit für alles nicht immer nur beim Staat liegen kann, sondern überall dort, wo dies möglich ist, gerade auch die Eigenverantwortung der Einzelnen und des Einzelnen gefragt ist. Krisenzeiten erwecken insoweit einen erneuerten „Spirit“, Dinge auch zu tun und nicht bloß darüber nachzudenken. Die freie Entfaltung der eige- nen Kräfte und Möglichkeiten wird spürbarer und auch wird klarer, wie hinderlich Verbote, Bürokratie und ideologische Hürden sind. Mit dieser Perspektive ist meine Prognose für 2021 optimistisch.

16:35

Ihre Großmutter wurde in einem KZ in Kroatien ermordet. Sie haben über den tragischen Lebensweg Ihrer Großmutter ein Buch herausgegeben. Was sind die Lehren, die Sie jungen Menschen heute auf den Weg geben?

16:42

Es gilt wachsam zu sein. Die Wahrung der Menschenrechte ist nicht eine Floskel für Sonntagsreden, sondern das Geschenk der europäischen Aufklärung. Die rücksichtslose Verfolgung politischer, religiöser oder gesellschaftlicher Minderheiten ist auch heutzutage Merkmal autoritärer Regime weltweit. Dagegen sind Demokratie und Freiheit die stärksten Waffen und für diese zu kämpfen, ist unsere Aufgabe und Verpflichtung.

16:49

Sie kommen aus einer internationalen, liberal geprägten Familie. Gibt es so etwas wie ein ideelles Erbe, das Sie mit Ihrer Familie verbinden?

16:55

Ja, das Wichtigste ist eigentlich das Bewusstsein, dass „Liberalismus“ eine humanistische und zu- tiefst dem Menschen zugewandte Lebensform, ja auch ein Lebensgefühl umschreibt. Das Bild des kalten, auf ein marktradikales Regelwerk reduzierten (Neo-)Liberalismus, gewissermaßen einer Unterabteilung der Volkswirtschaftslehre, wie es sich seit den 80er Jahren fälschlicherweise ver- breitet und festgesetzt hat, ist mir zutiefst fremd. Ich halte diese stark von libertären amerikani- schen Schulen – oder dorthin emigrierten verbitterten Europäerinnen und Europäern – geprägte Betrachtungsweise für falsch und geschichtsvergessen. Gemeinsinn ist ein zentraler Wert der echten Liberalen. Uns ist niemals egal, was um uns herum passiert und wie es sozial schwächeren Mitgliedern unserer Gesellschaft geht.

17:06

Mitten in der Pandemie, im September 2020, sind Sie zum neuen Vorsitzenden des Kuratoriums der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit gewählt worden. Wo sehen Sie langfristige Entwicklungspotenziale und Perspektiven des deutschen liberalen Think- tanks, der schon über 60 Jahre alt ist?

17:11

Der Liberalismus ist keine in sich geschlossene Ideologie, sondern wandelbar. Der Thinktank der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit ist dazu da, Impulse für einen Liberalismus des 21. Jahrhunderts zu geben. Wir alle wünschen uns für die nachfolgenden Generationen eine friedliche und gerechte Welt, in der die natürlichen Ressourcen geschont und ein ge- sunder Wohlstand erhalten bleibt. Dabei setzen wir nicht auf Verbote und Einschränkungen, sondern auf Bildung, einen Ideenwettbewerb auf allen Gebieten und die Verpflichtung des Eigentums. Wir wollen hierzu liberale, das heißt an freier Entfaltung der Person und am Gemeinsinn orientierte Antworten geben und dazu haben wir eine Vielzahl kluger Köpfe mit guten Ideen.

17:24