/ Deutschland muss jetzt die Weichen für den Restart stellen


In der Krise hat nicht nur der Staat, sondern auch die Wirtschaft ihre Leistungskraft bewiesen. Trotzdem ist der Modernisierungsbedarf riesig. Eine große Zeit für den großen Staat! So ließe sich der intellektuelle Refrain vieler Beobachter zusammenfassen, die auf Deutschland im Jahr 2020 blicken. Und in der Tat: Corona hat Hilfsprogramme für die Wirtschaft in einem Maße zur Regel gemacht, die selbst noch die Dimensionen der Weltfinanzkrise in den Jahren 2008/09 bei weitem in den Schatten stellen. So einen gewaltigen Schub an Unterstützung für bedrohte und betroffene Unternehmen hat es in der deutschen Geschichte noch nie gegeben. Und vor allem: so breit gefächert. Anders als in normalen Konjunkturkrisen erhielt nicht nur die Industrie, sondern auch der Handel und die Dienstleistungen massive Hilfen – und dies zu Recht, denn die coronabedingten Lockdowns trafen die lokalen und regionalen Binnenmärkte besonders hart.

Es entstand das Bild einer schwer angeschlagenen, stockenden Marktwirtschaft am staatlichen Tropf. Klar war von Beginn an: Wenn dies zum Dauerzustand würde, wäre es eine Katastrophe. Und die kann durchaus noch bevorstehen, wenn eine Konkurswelle nach Auslaufen der Sonderregeln für Insolvenzen nach der Corona-Zeit ausläuft. Niemand weiß wirklich, wie viele Unternehmen vor einer ohnehin fälligen Schließung bewahrt werden, gerade weil sie derzeit unter künstlichem Konkursschutz stehen. So mancher Geschäftsbetrieb mag da zum Zombie mutiert sein. Allerdings zeigte sich nach dem dramatischen Einbruch im zweiten Quartal auch eine bemerkenswerte kapitalistische Resilienz, die nur wenig öffentliche Beachtung fand. Es waren vor allem drei positive Entwicklungen, mit denen nur notorische Optimisten gerechnet hatten.

Wie kann der Restart aussehen? Zunächst bedarf es einer klaren Vorstellung vom Startpunkt: Wo steht die deutsche Wirtschaft heute? Die Antwort lautet: Deutschland ist und bleibt – ähnlich wie die Schweiz und Österreich – eine Nation der qualitätsorientierten mittelständischen Industrie mit Schwerpunkten in klassischen Bereichen der innovativen Ingenieurkunst. Der Abgesang auf dieses traditionelle Modell wird zwar seit Jahrzehnten vor allem aus dem angloamerikanischen Raum angestimmt, aber sein Niedergang ist nie gekommen. Im Gegenteil, die Länder mit starkem verarbeitendem Gewerbe überstanden die Weltfinanzkrise vor zehn Jahren viel besser als jene Nationen, die sich allzu früh auf Dienstleistungen und Finanzmärkte spezialisiert hatten.

Deutschland steht vor gewaltigen Herausforderungen der Modernisierung. Soll das Land seine zentrale Rolle als industrielles Herz der EU behalten und ausbauen, so bedarf es einer klugen Wachstumsstrategie und -politik: weg vom Substanzverzehr und hin zu einer Zukunftsstrategie, die sich ambitionierte Ziele setzt, aber realistisch und klug auf der vorhandenen mittelständischen Wirtschaftsstruktur mit ihrer industriellen Innovationskraft aufsetzt.


Der vollständige Beitrag erschien am 10. Dezember 2020 im Capital Magazin.