/ Ohne negative Emissionen keine Klimaneutralität


Negativemissionstechnologien (NETs) sind zur Erreichung von Klimaneutralität unausweichlich. Wie sie schrittweise in den Europäischen Emissionshandel (EU ETS) integriert werden können, haben Forscherinnen und Forscher in dem Gutachten „Negative Emissionen im europäischen Emissionshandelssystem“ für die Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit analysiert. Teil des interdisziplinären Wissenschaftlerteams waren u. a. Dr. Wilfried Rickels, Institut für Weltwirtschaft in Kiel, Dr. Oliver Geden, Stiftung Wissenschaft und Politik, und Prof. Dr. Alexander Proelß, Universität Hamburg.

Die EU hat sich das Ziel gesetzt, bis 2050 treibhausgasneutral zu sein: Wenn neue Emissionen freigesetzt werden, müssen diese mit NETs aus der Atmosphäre entfernt werden. Darunter versteht man technische Lösungen, wie das Abscheiden und anschließende Speichern von CO2. Das sind aber auch Wälder und Moore, die ein erhebliches Potenzial zum Speichern von CO2 aufweisen. Auch im Jahr 2050 ist es weiter möglich, dass es trotz technologischer Fortschritte noch Emissionen etwa in Industrie und Landwirtschaft gibt, die sich kaum vermeiden lassen. Laut vieler Expertinnen und Experten kann die Treibhausgasneutralität nur gelingen, wenn NETs eingesetzt werden. Deshalb müssen jetzt die Weichen gestellt werden, damit sich NETs finanziell lohnen und bis 2050 im Einsatz sind. Momentan sind viele technische Lösungen noch zu teuer und die Speicherleistung der Wälder wird nicht honoriert.

An dieser Stelle setzt unser Gutachten an: Weil Treibhausgasneutralität ohne negative CO2-Emissionen nicht möglich ist, müssten solche Ansätze zeitnah in den EU ETS integriert werden, so die Überlegung. Dieser bepreist momentan die CO2-Emissionen in der Energiewirtschaft und der Industrie und hat so zu deutlichen Emissionsreduktionen geführt. „Einen Emissionshandel, der negative Emissionen einbezieht, kann man sich vereinfacht so vorstellen, dass es einerseits Akteurinnen und Akteure gibt, die aktiv CO2 aus der Luft entnehmen und dafür Zertifikate bekommen. Diese Zertifikate verkaufen sie an die übrigen Akteurinnen und Akteure – etwa Industrieunternehmen –, die wiederum diese Zertifikate für ihre Restemissionen aufwenden“, erklärt Dr. Wilfried Rickels vom IfW-Kiel.

Insbesondere für die Waldbesitzerinnen und -besitzer ist diese Überlegung interessant. Die Forstwirtschaft und Holzverwendung bindet jährlich 127 Millionen Tonnen CO2, was 14 Prozent der gesamten Treibhausgasemissionen in Deutschland ausmacht. Diese Speicherleistung wird momentan aber nicht entlohnt. Würden die Wälder in den EU ETS eingebunden, könnten sie für das Speichern des CO2 handelbare Zertifikate erhalten. In Neuseeland wird das bereits genauso gehandhabt. In einer Kooperationsveranstaltung mit den Familienbetrieben Land und Forst e. V. wurden die Ergebnisse aus dem Gutachten diskutiert. Laut Dr. Rickels wird zur Erreichung des EU-Ziels der Treibhausgasneutralität bis 2050 eine Entwicklung geeigneter Anreizsysteme für CO2-Entnahmen sowie eine regulatorische Öffnung des wichtigsten klimapolitischen Instruments – des EU-Emissionshandels – für negative Emissionen unabdingbar sein.

/ Klimaschutz zum Nulltarif

Es dürfte sich um einen der außergewöhnlichsten Orte unserer Hauptstadt handeln, an dem jemals eine politische Bildungsveranstaltung stattgefunden hat: Unter dem weltbekannten Skelett des Brachiosaurus im Museum für Naturkunde Berlin kamen auf Einladung des Berliner Länderbüros der Friedrich-Naumann-Stiftung am 10. März 2020 mehr als 130 Gäste zusammen, um über die wohl größte gegenwärtige globale Herausforderung der Menschheit zu diskutieren – den Klimaschutz.

Prof. Johannes Vogel, Generaldirektor des Museums für Naturkunde, unterstrich eindrucksvoll den Genius Loci des Museums, der wie kein anderer in Berlin an die Gewinnerinnen und Gewinner und Verliererinnen und Verlierer von Klimaepochen erinnert und zum verantwortungsvollen Umgang mit unseren Ressourcen mahnt.

Politischer Ausgangspunkt des Abends war jedoch die im Bundestag angekommene Forderung der zwei Millionen privaten und kommunalen Waldbesitzerinnen und besitzer in Deutschland, die CO2-Senkenleistung des Waldes zu vergüten. Das Prinzip klingt simpel: Wer CO2 emittiert, bezahlt – wer CO2 bindet, wird honoriert. So marktwirtschaftlich könnte die Finanzierung der Aufforstung und Ausweitung von Deutschlands Wäldern aussehen. Und doch ist in der Realität die Klimaleistung der Wälder für die Allgemeinheit bislang umsonst.

Prof. Dr. Karl-Heinz Paqué,Vorstandsvorsitzender der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit

Wie eine kluge Umsetzung dieser Maxime in der politischen Praxis aussehen kann, diskutierten unter der Moderation der Wirtschaftsjournalistin Dr. Ursula Weidenfeld der Präsident der Familienbetriebe Land und Forst, Max Freiherr von Elverfeldt, Franz Prinz zu Salm-Salm, Vorsitzender des Waldbesitzerverbandes Sachsen-Anhalt, Linda Teuteberg MdB, und Dr. Peter Elsasser, Thünen-Institut für Internationale Waldwirtschaft und Forstökonomie.

Die Veranstaltung war gut besucht.

/ Innovationskongress

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Wie innovationsfit ist Deutschland? Unter dieser Leitfrage fand der 4. Innovationskongress der Friedrich-Naumann-Stiftung für die Freiheit in Kooperation mit der Fraunhofer-Gesellschaft, der Arbeitsgemeinschaft industrieller Forschungseinrichtungen und dem Verband der Chemischen Industrie e. V. (VCI) statt. Ein besonderer Fokus lag auf dem Einsatz von Innovationen zur Reduktion von Treibhausgas-Emissionen in der Industrie. Dazu gehören der Einsatz von grünem Wasserstoff oder die wirtschaftliche Weiterverwendung von CO2.

In seiner einleitenden Keynote betonte Dr. Bernd Buchholz, Minister für Wirtschaft, Verkehr, Arbeit, Technologie und Tourismus des Landes Schleswig-Holstein, dass Deutschland durchaus innovativ sein kann, „wenn man es denn will“. Das zeige die aktuelle Pandemiezeit, in der das Sprichwort „Not macht erfinderisch“ passend sei. Die schnelle Entwicklung von hochwirksamen Impfstoffen in Deutschland sei ein gutes Beispiel für das Innovationspotenzial Deutschlands. Leider werde dieses meistens nicht voll ausgeschöpft, so liegt die Forschungstätigkeit in Deutschland, gemessen am Bruttoinlandsprodukt, unter drei Prozent. Dadurch schneide Deutschland im internationalen Vergleich beim Thema Innovation schlecht ab. „Anstatt über die Chancen von Innovationen zu sprechen, wird sehr lange über die möglichen Risiken gesprochen, wie beispielsweise bei der 5G-Technologie“, kritisierte Dr. Buchholz. Das könne dazu führen, dass Unternehmen letztendlich in innovationsfreudigere Länder abwandern.

Insbesondere in der energieintensiven Industrie würde ein großes Potenzial für den Einsatz von klimaneutralem, grünem Wasserstoff liegen. Die chemische Industrie hat es sich zum Ziel gesetzt, bis 2050 klimaneutral zu werden. Dr. Klaus Schäfer, Chief Technology Officer der Covestro AG und Vorsitzender des Ausschusses Energie, Klimaschutz und Rohstoffe im VCI, berichtete, dass dieses Ziel durchaus realistisch sei. Die chemische Industrie setze bei der Dekarbonisierung vor allem auf die Elektrifizierung und den Einsatz von Wasserstoff. So werde zukünftig ein Bedarf von sieben oder acht Millionen Tonnen Wasserstoff pro Jahr erwartet.

Auch Frau Prof. Dr. Julia Arlinghaus, Leiterin des Fraunhofer-Instituts für Fabrikbetrieb und -automatisierung, sah große Potenziale in der Umstellung von Energie- Produktionsanlagen. „Wir brauchen einen Brückenschlag zwischen Industrie und Wissenschaft“, unterstrich sie. Allerdings betonte Frau Prof. Arlinghaus auch, dass die klimaneutrale Umstellung der Industrie eher einem Marathonlauf als einer Sprintstrecke gleiche. Insbesondere Power-to-X, die Energierückgewinnung und eine energieorientierte Produktionsplanung und -steuerung zählten für sie zu den wichtigsten Innovationen. Prof. Dr. Holger Hanselka, Präsident des KIT, Vizepräsident der AiF und der Helmholtz-Gemeinschaft sowie Mitglied des Hightech-Forums, sah ebenfalls die Innovationsfähigkeit Deutschlands als gesamtgesellschaftliche Frage. Und dieser Wandel hin zu mehr Innovationen benötige noch mehr politischen Willen. Die Wissenschaft sei auf einem guten Weg und arbeite nicht mehr im berüchtigten Elfenbeinturm und die deutsche Forschungslandschaft sei bereits sehr ausdifferenziert. „Jetzt braucht man noch mehr politischen Mut für gemeinsame Arbeit auf dem Weg zu mehr deutschen Innovationen“, schlussfolgert Prof. Hanselka.

In seinem Schlusswort fasste Norbert Theihs, Geschäftsführer Verband der Chemischen Industrie e. V. (VCI), zusammen, die Grundvoraussetzungen für Innovationen sind zwar da, allerdings fehle es noch etwas an der Innovationswilligkeit. Als wichtigste Punkte hierfür identifizierte er die verbesserte Zusammenarbeit von Unternehmen und Wissenschaft wie auch die Akzeptanz von Technologien, denn bei jedem gesellschaftlichen Wandel, ob in der Energiewende oder der Digitalisierung, muss die Bevölkerung mitgenommen werden.